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August 16, 2026

Brunnenwisen - Warum diese Deponie nicht in die Zukunft des Kantons Zürich passt

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‍Die Ablehnung der Deponie Brunnenwisen im Zollikerberg, unmittelbar an der Grenze zur Stadt Zürich, ist mehr als ein lokaler Reflex. Sie zeigt, wie wenig die aktuelle Planung zu Kreislaufwirtschaft, Klimaschutz und Naherholungspolitik des Kantons Zürich passt.

von Christian Baertschi | 16. August 2026

Wer sich gegen eine Deponie vor der eigenen Haustür wehrt, sieht sich rasch mit dem Vorwurf des NIMBY-Verhaltens konfrontiert – not in my backyard, ein Kampfbegriff, um Anliegen Betroffener zu relativieren. Im Fall Brunnenwisen reduziert dieser Vorwurf eine komplexe planerische Frage auf Psychologie. Es geht nicht nur um individuelle Betroffenheit, sondern darum, ob ein Deponiestandort mitten im Naherholungsraum mit den eigenen Leitlinien des Kantons vereinbar ist – für die nächsten 40 Jahre.

Der Kanton plant seine Deponiekapazitäten ausdrücklich langfristig. Gleichzeitig bekennt er sich zur Kreislaufwirtschaft, will Abfallmengen reduzieren und Materialien im Kreislauf halten, statt sie zu deponieren. Wer diese Ziele ernst nimmt, muss Standortentscheide an denselben Massstäben messen und darf die Diskussion nicht auf das Etikett „Anwohnerprotest“ verkürzen.

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Kreislaufwirtschaft

Mit der deutlichen Zustimmung zur Kreislaufwirtschaft hat die Zürcher Stimmbevölkerung den Rahmen klar abgesteckt: Abfälle sollen möglichst vermieden, wiederverwendet und verwertet werden, Deponien bleiben die ultima ratio. Abfälle werden heute nicht direkt von der Strasse in die Deponie gefahren, sondern durchlaufen Sammel-, Sortier- und Aufbereitungsanlagen, in denen Stoffströme getrennt, verwertbare Fraktionen abgetrennt und Schadstoffe weitgehend ausgeschleust werden. Solche Anlagen liegen mehrheitlich in der Agglomeration oder in industriell geprägten Gebieten, wo Flächen vorhanden sind und Logistik einfacher zu organisieren ist.

Der Rest, der tatsächlich deponiert werden muss, fällt somit vor allem dort an – nicht im städtischen Naherholungsgebiet. Wer Kreislaufwirtschaft stärken will, sollte daher die Deponierung an die Logik dieser Kette koppeln: kurze Wege zwischen Aufbereitung und Endlagerung, klare Priorität für Verwertung vor Deponie sowie eine sorgfältige Abwägung von Umwelt- und Landschaftsschutz.

Verkehr und Klima

Auf den ersten Blick scheint Brunnenwisen attraktiv: nahe am Ballungsraum, planerisch gesichert. Auf den zweiten Blick wird deutlich, dass der Standort verkehrs- und klimapolitisch problematisch ist. Abfälle fallen in stark überbauten Gebieten an, werden in Aufbereitungsanlagen gesammelt, sortiert und behandelt – und würden anschliessend als Restfraktion auf den Hügel oberhalb der Stadt zurücktransportiert. So entsteht ein zusätzlicher Transportkreislauf, der aus Sicht von Verkehrs- und Klimapolitik nicht zwingend ist.

Ein höher gelegener Standort bedeutet zudem mehr Energieaufwand im Schwerverkehr und – solange ein wesentlicher Teil der Flotte fossil betrieben wird – zusätzliche Emissionen im anspruchsvollen Fahrbetrieb. Während Städte und Agglomerationen mit viel Aufwand versuchen, Verkehr zu vermeiden, den öffentlichen Verkehr zu stärken und Alltagswege zu verkürzen, wird für die Entsorgung ein System aufgebaut, das schwere Transporte zurück an den Rand des Zentrums lenkt. Dieser Widerspruch ist schwer zu vermitteln.

Naherholung und Interessen

Brunnenwisen ist kein abstrakter Fleck auf der Karte, sondern Teil eines Naherholungsraums unmittelbar an der Stadtgrenze. Gerade diese Nähe macht die Fläche wertvoll: für Spaziergänge, Sport, Naturerfahrung und als klimatische Ausgleichszone für den dicht bebauten Raum. In Strategien wird die Bedeutung solcher Räume betont – für Lebensqualität, Gesundheit, Biodiversität und für kurze Freizeitwege. Wenn derselbe Staat, der kurze Wege und aktive Mobilität propagiert, dort gleichzeitig Deponieareale von grosser Flächenausdehnung und beträchtlicher Schütthöhe reserviert, entsteht ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Bei der Suche nach Deponiestandorten arbeitet der Kanton mit verschiedenen Akteuren zusammen, darunter auch private Unternehmen. Das ist legitim: Technisches Know-how und Investitionsbereitschaft liegen oft in der Privatwirtschaft. Gleichzeitig verfolgen private Betreiber nachvollziehbar wirtschaftliche Interessen. Deponieraum ist ein knappes Gut, der Betrieb entsprechender Anlagen kann wirtschaftlich attraktiv sein.

Diese wirtschaftliche Dimension zeigt sich auch auf internationaler Ebene. Die aktuelle Debatte über weiterhin mögliche Abfallimporte aus EU-Grenzregionen in die Schweiz zeigt, dass Entsorgungspolitik nicht nur eine technische, sondern auch eine wirtschaftlich und regulatorisch geprägte Frage ist.

Umso wichtiger sind höchste Transparenz über Kriterien, Entscheidungswege und Rollen sowie eine nachvollziehbare Abwägung zwischen wirtschaftlichen und öffentlichen Interessen. Die Bevölkerung hat Anspruch darauf zu verstehen, weshalb ein stadtnaher Naherholungsraum als geeignete Option erscheint, obwohl der Kanton selbst kurze Transportwege und die Berücksichtigung von Natur-, Landschafts- und Gewässerschutz als zentrale Planungsgrundlagen nennt.

Politische Verantwortung

Die Frage, ob Brunnenwisen ein geeigneter Deponiestandort ist, lässt sich nicht allein mit technischen Gutachten beantworten. Sie ist ein politischer Entscheid darüber, welche Prioritäten der Kanton Zürich in den kommenden Jahrzehnten setzen will: Wird Kreislaufwirtschaft als Leitprinzip ernst genommen, werden Klima- und Verkehrsziele auch bei schweren Materialströmen berücksichtigt, und wird der Wert stadtnaher Naherholungsräume als Teil der Daseinsvorsorge anerkannt?

Wer Brunnenwisen ablehnt, stellt damit nicht die Notwendigkeit von Deponien infrage. Es geht vielmehr darum, dass der Kanton seiner eigenen Strategie gerecht wird: Kreislaufwirtschaft stärken, Klima- und Verkehrsziele ernst nehmen, Landschafts- und Naherholungsräume schützen und wirtschaftliche Interessen klar vom öffentlichen Auftrag trennen. In diesem Licht ist der Widerstand gegen Brunnenwisen kein egoistischer Reflex, sondern ein notwendiger Stresstest für die Glaubwürdigkeit der kantonalen Politik.